Blind im Alltag

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Seewolf
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von Seewolf » 05.09.2025, 09:56
Hallo Community,

ich grüße euch als Seewolf hier aus Berlin.
Mir ist in letzter Zeit wieder einiges passiert – und ich dachte mir: warum nicht mal ein bisschen sammeln, was wir alle schon so erlebt haben?
Also meine Frage an euch: Welche Situationen habt ihr im Alltag schon gehabt, die euch mal zum Schmunzeln, mal zum Kopfschütteln gebracht haben? Erzählt doch mal, was so alles passiert ist – ich bin sicher, jeder von uns hat da seine ganz eigenen Geschichten auf Lager.

Viele Grüße und immer eine Handbreit Humor unterm Kiel
Gruß euer Seewolf
Zuletzt geändert von Seewolf am 05.09.2025, 10:15, insgesamt 1-mal geändert.

Seewolf
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von Seewolf » 05.09.2025, 10:05
Michael und der Berliner Obstmarkt

Es war ein ganz normaler Tag in Berlin – na ja, so normal, wie er eben sein kann, wenn man mit geschlossenen Augen in die bunte Arena des Obst- und Gemüsehändlers hineinspaziert. Unser Held: Michael, blind, aber mit einem unerschütterlichen Sinn für Abenteuer und einer Einkaufsliste im Kopf, die er sich mindestens dreimal im Traum eingeprägt hat: Bananen, Weintrauben, Kartoffeln.
Kaum setzt er den Fuß in den Markt, stürzt auch schon ein Angestellter auf ihn zu – wie ein Kellner in einem Fünf-Sterne-Hotel, der aber heimlich beschlossen hat, dass er heute mal Robin Hood in umgekehrter Richtung spielt: nämlich den Armen nehmen und dem Händler geben. „Was darf’s sein?“ fragt er, mit einem Unterton, der schon leicht nach Tages-Schnäppchenfalle klingt.
Michael: „Bananen, Weintrauben und Kartoffeln, bitte.“
Der Angestellte: „Selbstverständlich! Frisch, frisch, alles frisch!“ – was übersetzt so viel hieß wie: Lass mich mal kurz ins Regal mit der Biotonne greifen.
Und tatsächlich: Die Bananen, die Michael bekam, hatten schon die innere Überzeugung, dass sie bald in den Smoothie-Himmel aufsteigen würden – tiefbraun, matschig und aromatisch wie Rumkugeln vom Vortag. Die Weintrauben? Ein paar schauten so verschrumpelt drein, dass man meinte, sie seien auf dem Weg, Rosinen zu werden – die Evolution live! Und die Kartoffeln? Hach, sie hatten schon kleine Triebe – wie stolze Antennen, die verzweifelt „Rettet uns!“ ins Universum funken wollten.
Doch der eigentliche Höhepunkt war die Kasse. Der Angestellte kritzelte eine Zahl auf den Block, als wäre er Picasso in seiner „teure Obstphase“. Michael zahlte brav – denn wie sollte er auch ahnen, dass der Preis mal eben 20 Prozent höher lag als bei allen sehenden Kunden. Quasi ein Blindenzuschlag.
Mit zwei schweren Tüten voll kulinarischem Endzeitmaterial zog Michael dann nach Hause. Die Leute auf der Straße sahen ihn, nickten höflich, dachten sich aber insgeheim: „Mutig, der Mann – der schleppt die Zutaten für eine wissenschaftliche Studie über Lebensmittelverwesung nach Hause.“
Und Michael? Der dachte sich: „Na ja, Hauptsache, ich hab meine Kartoffeln.“

Gruß euer Seewolf

Seewolf
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von Seewolf » 05.09.2025, 10:13
Michael und die Berliner Busfahrt

Berlin, Montagmorgen. Unser Held Michael tastet sich mit stoischer Ruhe durch den Dschungel der Großstadt, sein Blindenstock klackert wie ein Metronom, das den Rhythmus der Hauptstadt vorgibt. Ziel: die altbekannte Bushaltestelle, die er schon im Schlaf findet – allerdings immer nur dann, wenn niemand auf die geniale Idee kommt, den berühmten „weißen, geriffelten Streifen“ direkt vor den Schaukasten zu pflastern.
Dort steht Michael nun, brav wie vom Lehrbuch, und wartet. Doch schon naht die erste Gegnerin des Tages: eine Dame, die offensichtlich dachte, sie sei persönlich zur Präsidentin der BVG ernannt worden. „Also, sagen Sie mal! Wie können Sie es wagen, den Schaukasten zu blockieren? Wir anderen wollen schließlich die Fahrzeiten sehen!“ meckerte sie, als ob Michael dort gerade einen Schwarzmarkt für Bananen eröffnet hätte.
Michael, wie immer höflich, wich zur Seite. Dummerweise hielt der Bus exakt am weißen Streifen – und nicht da, wo Michael nun stand. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als vorsichtig den Bus mit seinem Stock zu „antesten“. Tok, tok, tok. Doch statt eines freundlichen „Kommen Sie rein, junger Mann“, ertönte der genervte Busfahrer: „He, klopfen Sie nicht auf meinem Bus herum, das ist doch kein Schlagzeug!“ – als hätte Michael gerade ein Konzert von Rammstein eingeleitet.
Im Bus angekommen, steuerte Michael die beiden behindertengerechten Plätze an. Eine Dame thronte dort, flankiert von zwei monströsen Einkaufstaschen, die ungefähr so viel Platz beanspruchten wie ein mittlerer Kühlschrank. „Darf ich da sitzen?“ fragte Michael höflich.
Die Antwort: „Sehen Sie nicht, dass ich hier zwei Taschen habe? Ich brauche beide Plätze!“
Michael nickte unsichtbar, schwieg und hielt sich lieber an der Stange fest – wie ein Surfer, der sich auf die nächste Welle vorbereitet.Doch die Welle war kein Ozean – es war das Geräusch-Chaos im Bus. Zwei Leute telefonierten so laut, als hätten sie ein Casting für „Deutschland sucht den lautesten Handybesitzer“. Ein dritter spielte auf seinem Handy, Soundeffekte inklusive, so als ob der Bus sich in eine Spielhalle verwandelt hätte. Zwei weitere Fahrgäste führten Selbstgespräche und beschwerten sich lautstark über genau diesen Krach – was das Ganze natürlich nur verdoppelte.
Und mitten in diesem Konzert der Absurdität versuchte Michael, die rettende Lautsprecherstimme zu hören, die die Haltestellen ansagt. Chancenlos. Stattdessen verpasste er seine Station um gleich zwei Haltestellen.
Gelassen, fast schon philosophisch, zückte Michael schließlich sein Handy. Kurzwahl gedrückt, Taxi gerufen, Problem gelöst. Als er später vor der Praxis seines Hausarztes stand, dachte er sich: „Vielleicht verschreibt der mir ja heute was gegen Lärm. Oder eine Monatskarte fürs Schweigekloster.“

Gruß euer Seewolf