von Seewolf » 05.09.2025, 10:13
Michael und die Berliner Busfahrt
Berlin, Montagmorgen. Unser Held Michael tastet sich mit stoischer Ruhe durch den Dschungel der Großstadt, sein Blindenstock klackert wie ein Metronom, das den Rhythmus der Hauptstadt vorgibt. Ziel: die altbekannte Bushaltestelle, die er schon im Schlaf findet – allerdings immer nur dann, wenn niemand auf die geniale Idee kommt, den berühmten „weißen, geriffelten Streifen“ direkt vor den Schaukasten zu pflastern.
Dort steht Michael nun, brav wie vom Lehrbuch, und wartet. Doch schon naht die erste Gegnerin des Tages: eine Dame, die offensichtlich dachte, sie sei persönlich zur Präsidentin der BVG ernannt worden. „Also, sagen Sie mal! Wie können Sie es wagen, den Schaukasten zu blockieren? Wir anderen wollen schließlich die Fahrzeiten sehen!“ meckerte sie, als ob Michael dort gerade einen Schwarzmarkt für Bananen eröffnet hätte.
Michael, wie immer höflich, wich zur Seite. Dummerweise hielt der Bus exakt am weißen Streifen – und nicht da, wo Michael nun stand. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als vorsichtig den Bus mit seinem Stock zu „antesten“. Tok, tok, tok. Doch statt eines freundlichen „Kommen Sie rein, junger Mann“, ertönte der genervte Busfahrer: „He, klopfen Sie nicht auf meinem Bus herum, das ist doch kein Schlagzeug!“ – als hätte Michael gerade ein Konzert von Rammstein eingeleitet.
Im Bus angekommen, steuerte Michael die beiden behindertengerechten Plätze an. Eine Dame thronte dort, flankiert von zwei monströsen Einkaufstaschen, die ungefähr so viel Platz beanspruchten wie ein mittlerer Kühlschrank. „Darf ich da sitzen?“ fragte Michael höflich.
Die Antwort: „Sehen Sie nicht, dass ich hier zwei Taschen habe? Ich brauche beide Plätze!“
Michael nickte unsichtbar, schwieg und hielt sich lieber an der Stange fest – wie ein Surfer, der sich auf die nächste Welle vorbereitet.Doch die Welle war kein Ozean – es war das Geräusch-Chaos im Bus. Zwei Leute telefonierten so laut, als hätten sie ein Casting für „Deutschland sucht den lautesten Handybesitzer“. Ein dritter spielte auf seinem Handy, Soundeffekte inklusive, so als ob der Bus sich in eine Spielhalle verwandelt hätte. Zwei weitere Fahrgäste führten Selbstgespräche und beschwerten sich lautstark über genau diesen Krach – was das Ganze natürlich nur verdoppelte.
Und mitten in diesem Konzert der Absurdität versuchte Michael, die rettende Lautsprecherstimme zu hören, die die Haltestellen ansagt. Chancenlos. Stattdessen verpasste er seine Station um gleich zwei Haltestellen.
Gelassen, fast schon philosophisch, zückte Michael schließlich sein Handy. Kurzwahl gedrückt, Taxi gerufen, Problem gelöst. Als er später vor der Praxis seines Hausarztes stand, dachte er sich: „Vielleicht verschreibt der mir ja heute was gegen Lärm. Oder eine Monatskarte fürs Schweigekloster.“
Gruß euer Seewolf